Der Autor als Gott – Warum ich die Theodizee Frage nie verstanden habe

In diesen Tagen begegnet mir das Thema Gott und Religion wieder häufiger. Kunststück. So geht es wohl uns allen. Dabei bin ich auch wieder über die Theodizee-Frage gestolpert als Argument von Atheisten oder anderen, dass der liebende, allmächtige Gott nicht existieren kann. (Denn wenn er alles kann und uns liebt, warum gibt es dann soviel Leid in der Welt? Entweder Gott liebt uns – dann kann er nicht allmächtig sein. Oder er ist allmächtig, und könnte helfen, will aber nicht – dann liebt er uns nicht.)

Ich bin keine Theologin. Ich bin mir nicht mal sicher, ob ich mich noch als Christin bezeichnen würde. Aber ich bin Autorin.

Damit bin ich Gott.

Okay. Ein Gott. Ein allmächtiger, Welten erschaffender Gott.
Jeder Autor ist das. Ob er nun spekulativ schreibt oder versucht, seine Geschichten in unsere geteilten Realität zu erzählen.
Ich schreibe Fantasy. Ich habe Welten erschaffen. Ich habe Gesetze der Natur und der Magie festgeschrieben, die ich, und nur ich, jederzeit wieder brechen könnte, wenn ich das wollte. Ich habe Wesen erschaffen, die innerhalb ihrer Welt jeden Turing-Test bestehen würden. Ich bin der unsichtbare, allmächtige Gott ihrer Existenz.
Ich liebe sie.
Ich liebe jede einzelne meiner Figuren. Dass schließt den versifften Kellner in der Schenke, der nichtmal Text hat, ebenso mit ein mit Tresten da Fijen, das intrigante Arschloch, dass nichtmal vor mehrfachen Mord zurückschreckt, oder meine Hauptfiguren.

Wenn wir das bisher zusammenfassen, bin ich ein allmächtiger, allliebender Gott.

Wer schon mal irgendeine meiner Geschichten gelesen hat, könnte jetzt entsetzt den Kopf schütteln.
Meine Figuren tun sich gegenseitig furchtbare Dinge an. Nicht nur dass, meinen Figuren geschehen furchtbare Dinge, für die niemand etwas kann – außer mir. Ich tue also meinen Figuren furchtbare Dinge an. Ich tue nicht nur den Menschen (und anderen Wesen) furchtbare Dinge an und verhindere nicht, dass sie sich gegenseitig furchtbare Dinge antun, ich lasse auch noch ganze Länder zu Bruch gehen. Naturkastatrophen for the Win!

Offensichtlich bin ich doch eher ein rachsüchtiger, strafender Gott des Alten Testaments.

Nein. Ich gebe zu, es kommt nicht häufig vor, aber ich habe auch schon heulend über der Tastatur gehangen, weil ich meinen geliebten Figuren nicht antun wollte, was ich ihnen antat. Weil ich sie liebe, weil es ihnen gut gehen soll. Wie Sean Bean würde ich ihnen gern ein Eis und einen freien Nachmittag mit Hundewelpen spendieren.
Aber das geht nicht.
Wenn ihr nachdenkt, wisst ihr selbst, warum. Es gibt Dutzende Gründe, warum ich meine geliebten Figuren leiden lasse:
– Weil sie das gute nicht erkennen und genießen, wenn sie das schlechte nicht kennen
– weil unterschiedliche Menschen unterschiedliche Dinge wollen, und bei vielen unterschiedlichen Menschen mit vielen unterschiedliche Wünschen sich manche Wünsche gegenseitig ausschließen oder mindestens behindern. Ich will aber bunte, vielfältige Welten mit möglichst vielen unterschiedlichen Menschen, anstatt uniformierte Abziehbilder im Dutzend billiger.
– Für uns, als Autoren und Leser, ist dieser Grund vielleicht der wichtigste:
Ohne Risiko, ohne, dass etwas auf dem Spiel steht, ohne Angst um unsere Figuren, entsteht keine Spannung.
– und, genauso wichtig: Sie entwickeln sich, sie wachsen, sie lernen, wenn sie mit Dingen konfrontiert werden, die sie nicht wollen, die sie nicht können, vor denen sie Angst haben. Und ich will, dass meine Figuren wachsen, sich entwicklen, lebendiger werden.

Ich liebe meine Figuren, ich lasse sie leiden. Ich könnte das verhindern. Ich tue es nicht. Ich liebe sie trotzdem.

Ich gehe jeden Schritt mit ihnen. Ich bin bei ihnen, auch wenn ich sie foltere, demütige oder sterben lasse.
Ich tue diese Dinge, weil ich einen Grund dafür habe.
Ich behaupte nicht, dass ihnen dieser Grund immer gefallen würde, wenn sie ihn erfahren würden.
Das ändert aber nichts daran, dass ich sie liebe.

Wie gesagt, ich weiß nicht, ob ich Christ bin. Gott und ich diskutieren.
Ich stand oft genug an Stellen, an denen ich nicht mehr konnte, an denen ich kaputt, zerschlagen, wütend und völlig am Ende war. Ich kann nicht sagen, dass Gottes Liebe mir an diesen Punkten eine große Hilfe gewesen wäre. Aber ich habe niemals geglaubt, dass Gott mich nicht liebt, bloß, weil er mich leiden lässt oder weil die Welt so unendlich vollgestopft mit Leid und Hass ist.

Ich bin Autor.
Passt schon, Gott. Deine Geschichte ist einfach noch so ein bisschen krasser als jede von meinen.

 

Was denkst du?

8 Kommentare zu „Der Autor als Gott – Warum ich die Theodizee Frage nie verstanden habe

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  1. Ich (selbst Autor sowie Atheist) denke, dass es da einen entscheidenden Unterschied gibt: Meine Figuren existieren nicht, und sie fühlen keinen Schmerz.
    Wäre das anders, müsste ich schon nach jedem für mich vorstellbaren Maßstab ein ziemlich widerlicher Armleuchter sein.

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    1. Sicherlich sind unsere Figuren nicht auf der gleichen Ebene existent wie du, ich, oder mein Briefträger. Allerdings bin ich auch nicht auf der gleichen Ebene existent wie Gott (falls er denn existiert). Es ist ja gerade der Unterschied zwischen Gott / Mensch / Figur dass einer nur jeweils aus dem Willen des ‚darüber stehenden‘ existiert und deshalb nicht so komplex / wirklich etc. sein kann wie sein Schöpfer. Ein Mensch kann sich nicht in die Werkstatt setzen und einen anderen Menschen bauen. Ein Gott kann keinen anderen Gott bauen.
      Deine Figuren fühlen Schmerz ebenso intensiv wie sie Freude oder Liebe spüren.
      Ob du ein ‚widerliche Armleuchter‘ 😉 bist, kann ich nicht beurteilen, ich bezweifle es aber.

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      1. Meine Figuren fühlen gar nichts.
        Wenn ich Geschichten schreibe, in denen sie leiden, schade ich ihnen damit nicht.
        Und ich schreibe die zur Unterhaltung für andere Leute, und für mich selbst.
        Also, wie soll ich sagen? Ich verstehe den Sinn deines Vergleichs nicht. Wo sind denn sinnvolle Parallelen?
        Findest du tatsächlich, dass man einen allwissenden(?) und allmächtigen(?) Gott, der bei sowas wie Kriegen oder Genoziden nicht nur untätig zusieht, sondern sie sogar verursacht, moralisch okay finden kann? Oder missverstehe ich dich da irgendwo?

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      2. Dann bist du auch kein Monster. 😉
        Ich bin ganz sicher nicht bereit, Genozid, Krieg oder anderes Leid auf diesem Planeten zu verharmlosen oder in irgendeiner Form moralisch ‚Okay‘ zu finden.
        Vermutlich reden wir beide gerade ein wenig aneinander vorbei. Vielleicht können wir uns auch gar nicht wirklich verstehen, weil wir zu unterschiedlich denken / in zu verschiedenen Mustern denken.
        Ich denke, dass ich Leid, Konflikte, Negatives, in meinen Geschichten bewusst einsetze. Das macht das Leid etc. für meine Figuren nicht besser, und vermutlich wäre es ihnen auch kein Trost, wenn ihnen klar werden würde, warum ich ihnen das antue. Genauso sicher bin ich mir aber auch, dass ich meine Figuren liebe.
        Vermutlich wäre es den Figuren auch kein Trost, wenn sie wissen würden, dass ihr Schöpfer sie liebt und ihnen trotzdem den ganzen Mist antut.
        Und ich denke, dass man diese Situation über Extrapolation mit dem Verhältnis eines (hypothetischen) allwissenden, allliebenden Schöpfergott zu den Menschen vergleichen kann, finde diesen Vergleich für mich interessant und wollte ihn anderen mitteilen.

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  2. Ich bin aufrichtig bestürzt von deinem Begriff von Liebe.
    Insbesondere, wenn dieser andere Einwand in den Kommentaren oben für dich nicht zählt, Du also von einem Modell ausgehst, bei dem die Figuren einen für sie realen und schrecklichen Schmerz „spüren“ (was ja zumindest für uns in den Modell mit Gott auch definitiv der Fall ist!), dann meint deine „Liebe“ ein irgendwie … freundlich-verbunden-herzliches Gefühl gegenüber der Figur (bzw. Gottes gegenüber uns), das dich aber nicht davon abhält, der Person ein für sie reales schreckliches Leid zuzufügen?
    Das Liebe zu nennen, find ich schon sehr gruselig (wenn auch in guter historischer Gesellschaft…)!

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    1. Ich glaube, wir mißverstehen uns gewaltig.
      Ich weiß auch gar nicht, wo ich anfangen sollte, mich zu erklären, oder warum ich das sollte, da ich vermute, dass wir ohnehin nicht zusammenfinden werden. Manche Menschen denken einfach in sehr unterschiedlichen Bahnen, was ich sehr begrüße, dass ich Vielfalt liebe. Aber was Sie mir unterstellen, trifft mich tatsächlich. Unterstellen Sie mir tatsächlich, nachdem sie ein paar hundert Wörter über eine religiöse Fragestellung von mir gelesen haben, dass ich ein liebesunfähiger, gruseliger Sadist bin?
      Ich möchte weder persönliches Leid noch die historischen und aktuellen Krisen in irgendeiner Form relativieren. Diese Welt zu einem helleren Ort zu machen, ist eine wichtigsten Aufgaben im Leben eines jeden einzelnen von uns.
      Und ich denke, das Aufgaben und Herausforderungen es sind, die uns zu einem großen Teil zu Menschen machen. Möchten Sie wirklich in einer bereits perfekten Welt leben?

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  3. Ich finde, der Vergleich passt perfekt. kann ihn sowohl von Autorenseite als auch von theologischer Seite aus nachvollziehen. Ein übergeordnetes Wesen, das nach einem Plan arbeitet, den die untergeordneten Wesen einfach nicht verstehen können, da es ihren Horizont übersteigt, unter dem sie aber durchaus leiden, manchmal schwer leiden.
    Entweder das, oder uns regiert der blinde Zufall. Das wäre dann so, als ob ein Autor leidenschaftslos per Würfel entscheidet, was seinen Figuren passiert. Ich bin nicht sicher, dass mir das besser gefallen würde …

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